„Arbeite, wo man Dich feiert, nicht wo man Dich toleriert!“

 

Unter diesem Motto steht auch 2020 wieder die größte queere Karrieremesse für LGBTQ-Menschen in Deutschland. Nach der ersten Ausgabe 2009 in Berlin hat sich die STICKS & STONES zu Europas größter LGBT-Job-Messe entwickelt. Die Messe findet in diesem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie vom 23. bis 29. Juni zum ersten Mal virtuell statt.

Auch die Axel Springer Gruppe (BILD, BamS, WELT), Arbeitgeber von etwa 16 000 Menschen, ist mit dabei. 2019 hat Axel Springer das „PRIDE 500 Arbeitgebersiegel“ erhalten und steht auf höchstem Niveau für Vielfalt im Unternehmen und ein LGBT-freundliches Arbeitsklima.

Wie das Event, mit mehr als 80 teilnehmenden Unternehmen, online stattfinden und man selbst daran teilnehmen kann und warum die Online-Variante erheblich mehr Job-Chancen bietet – darüber sprach BILD mit Stuart Cameron (40), CEO der UHLALA Group.

 

„Ich wusste, dass wir das auch ins Virtuelle übertragen können“

 

BILD: Herr Cameron, wann haben Sie erfahren, dass die Messe wegen Corona in der geplanten Form nicht mehr stattfinden kann?

Stuart Cameron: „Als es plötzlich hieß, dieses Virus verbreitet sich, kommt auch zu uns. Das ist etwa drei Monate her. Noch vor Merkels Rede, noch vor der Meldung, dass alle Clubs schließen müssen – zu diesem Zeitpunkt war mir klar, auch hier werden bald alle Großveranstaltungen abgesagt. Auch unsere Karriere-Messe. Das Virus kennt ja bekanntlich keine Grenzen.“

 

Wie ging es dann in der Planung weiter?

Cameron: „Da ich mich in den letzten Jahren immer mal wieder mit einem digitalen Format beschäftigt habe, wusste ich auch, dass wir das auch fast eins-zu-eins ins Virtuelle übertragen können.“

 

 

BILD traf Stuart Cameron (40) und sprach mit ihm über die Online-Variante der beliebten LGBT-Job-Messe. Foto: privat

 

Wie haben die Unternehmen, die ja der ausschlaggebende Punkt des Events sind, reagiert?

Cameron: „Wir haben den Unternehmen natürlich sofort angeboten, an der Online-Variante teilzunehmen. Da schon viele Werbeanzeigen längst gebucht waren, mussten wir vieles in Nachtschichten neu designen und umplanen. Ich habe mir immer vor Augen gehalten: Wenn die Situation nicht besser wird und das wurde sie ja nicht, ist das jetzt vielleicht das Beste, was uns passieren kann, denn jetzt haben wir die einmalige Chance, die Menschen auf die virtuelle Jobmesse mitzunehmen. Wenn alles gut läuft, hat das auch Auswirkungen auf die nächsten Jahre.“

 

Also zukünftig nur noch digital?

Cameron: „Nein, aber auch! Als Ergänzung zu den hoffentlich dann wieder stattfindenden Messen. Die Möglichkeit, sich persönlich zu vernetzen, sich auszutauschen, das ist offline nochmal ein ganz anderer Schuh. Darum ist beides wichtig. Wir haben tatsächlich noch lange mit der Umstrukturierung auf virtuell abgewartet, dann war die Entscheidung aber schnell getroffen. Ich sehe eine große Chance mit der virtuellen Job-Messe und ich muss ganz ehrlich sagen, Corona war der Tritt in den Hintern, den wir alle brauchten!“

 

Wie viele Unternehmen hatten sich angemeldet und wie viele sind jetzt noch dabei?

Cameron: „Wir waren bei etwa 114 Unternehmen. Nach der Online-Entscheidung sind zwar einige weggefallen, dafür kamen zu unserer Überraschung aber auch viele neue Firmen dazu. Jetzt sind es immer noch 82. Den Vertrauensvorschuss, den wir uns in den letzten Jahren erarbeitet haben, hat sich bewahrheitet. Und darauf sind mein Team und ich sehr stolz.“#

 

So präsentieren sich die Aussteller online – hier am Beispiel der UHLALA Group. Foto: UHLALA Group

 

„Liebe Unternehmen, bitte hört auf, Diversität vorzugaukeln, wenn ihr sie nicht lebt“

 

Viele Unternehmen haben aktuell einen Einstellungsstopp – wie passt das zusammen?

Cameron: „Das stimmt und diese Rückmeldung haben wir tatsächlich auch bekommen. Nichtsdestotrotz haben die allermeisten Unternehmen gesagt, dass sie trotzdem an Bord bleiben wollen. Denn vielleicht haben sie zwar aktuell keinen Job, aber möchten, dass die Leute sie als potenziellen neuen Arbeitgeber wahrnehmen und dass sie dann, vielleicht ab Herbst, wenn sie wieder einstellen, auch entsprechende Bewerber haben. Das war auch für mich eine positive Sicht auf die Situation, mit der wir ja nun alle zu kämpfen haben.“

 

Jetzt im Pride Month versehen besonders viele Unternehmen ihre Firmenlogos mit Pride-Fahnen. Was denken Sie darüber?

Cameron: „Genau darüber habe ich mich vor Kurzem erst mächtig aufgeregt. Ich bin auch durch meine Timeline auf LinkedIn gegangen und ja, da ist mir das auch aufgefallen. Viele der Unternehmen kenne ich nicht mal und ich habe mich gefragt: Was macht ihr eigentlich für eure LGBT-Mitarbeitenden? Ich finde: Liebe Unternehmen, bitte hört auf, Diversität vorzugaukeln, wenn ihr sie dann nicht auch im Unternehmen lebt. Das fällt mir ganz besonders bei der Airline-Branche auf. Ich kenne keine Airline, die ein LGBT-Diversity Programm hat, bzw. überhaupt eine Diversity-Abteilung.“

 

Am Dienstag geht es los. Erklären Sie doch mal kurz, wie es in diesem Jahr abläuft.

Cameron: „Im Prinzip genau wie immer: Du meldest dich kurz online an, um dir dein kostenloses Ticket zu holen. Am Tag selbst und dann eine Woche lang, kannst du dich auf unserer Webseite einloggen, legst dir ein kurzes Profil an, ähnlich wie ein Xing- oder LinkedIn-Profil oder wie bei unserer Proudr-App, oder aber du verlinkst das bereits bestehende Profil aus den genannten Karriere-Netzwerken. Der Vorteil dabei: Die Unternehmen haben bei Interesse bereits eine Art digitalen Lebenslauf und sehen direkt, welchen Job du suchst.

 

Auch dieses Mal kommt man wieder in eine Eingangshalle mit einem Info-Point, von hier aus geht’s zu den Ausstellern und den Vorträgen. Foto: UHLALA Group

 

Die Bedienung ist sehr intuitiv gestaltet. In diesem Jahr haben wir zudem etwa 50 verschiedene Speaker, denen man zuhören kann. Nur eben alles virtuell. Es gibt eine Community-Area, Community-Coaches und es gibt eine Home-Office-Challenge. Du entscheidest, wohin du gehen möchtest, klickst die kleine Blase an und bist da, wo du sein willst.“

 

Und die Messestände? Wie haben Sie die virtuell umgesetzt bekommen?

Cameron: „Die Messestände werden den meisten sehr bekannt vorkommen, jeder Stand hat eine Jobwand, auf der man ziemlich schnell erfährt, für welche Stelle das jeweilige Unternehmen gerade sucht und es gibt zu jedem Stand ein Chat-Fenster, mit dem man direkt mit den Unternehmen in Kontakt treten kann. Ein kleiner Extra-Vorteil: Dieses Mal gibt es auch kleine Online-Goodies. Welche das sind, verrate ich aber noch nicht.“

 

Virtuell fliegt man über die verschiedenen Aussteller-Stände, z.B. unten rechts zum Stand von Axel Springer. Foto: UHLALA Group

 

Business-Netzwerke werden immer wichtiger

 

Also chatten – keine visuelle Unterhaltung etwa durch Zoom?

Cameron: „Doch, auch das kann passieren. Du startest quasi per Chat, aber wenn du zum Beispiel bereits im Vorfeld eine Einladung vom Unternehmen über unsere Proudr-App erhalten hast, oder du bereits zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurdest, bekommt man unter Umständen einen Link, der dich zum Video-Gespräch weiterleitet.“

 

Wie viele Menschen sind denn bereits Mitglied in der Proudr-App?

Cameron: „Knapp 4000 Menschen haben bereits ein Karriere-Profil angelegt und ich gehe davon aus, dass das in den nächsten Tage noch einige mehr werden. Die App ist tatsächlich der entscheidende Vorteil bei unserer Messe – einfach, weil die Unternehmen eben auch einen Zugang zu dieser Plattform haben.“

 

Was raten Sie Menschen aktuell in der Corona-Situation, die einen Job suchen?

Cameron: „Schwule und Lesben sind zwar super beim Online-Dating, aber noch nicht so gut beim beruflichen Netzwerken. Ich empfehle Menschen – und nicht erst seit Corona – die sozialen Business-Netzwerke zu nutzen. Unser Alltag wird immer digitaler und das ist auch bei den Unternehmen so. Der klassische Lebenslauf hat sicherlich bald ausgedient, gleichwohl es ihn immer noch gibt. Und: Netzwerken ist das A und O. Auch um in Kontakt zu bleiben, wenn es aktuell keine Stelle gibt, aber man in Zukunft bereits bei den Firmen auf dem Schirm sein möchte. Man muss wissen: Bereits jeder dritte Job wird übers Netzwerken vergeben!“

 

Stichwort Lebenslauf: Was hat sich hier in den letzten Jahren geändert?

Cameron: „Vieles! Obwohl der klassische Lebenslauf mit Anschreiben längst noch nicht tot ist. Aber, ich bin selbst immer wieder überrascht, wie viele Menschen keinen guten Lebenslauf von sich haben. Viele haben Schwierigkeiten, ihre Erfolge darzustellen, sich richtig zu präsentieren. Auch dafür haben wir Unternehmen dabei, die einen Lebenslauf-Check anbieten, schauen, wo man noch optimieren kann. Tatsächlich gibt es mittlerweile so viele verschiedene Arten der Bewerbung, dass man schnell den Überblick verlieren kann. Da helfen unsere Unternehmen und Coaches gern weiter.“

 

Und bei den Unternehmen? Worauf achten die nach ihrem Wissen heute verstärkt?

Cameron: „Was vielen nicht bewusst ist, ist die Tatsache, dass immer mehr Unternehmen die sozialen Profile ihrer potenziellen neuen Mitarbeitenden durchforsten. Online-Screenings nennen wir das. Das hat man zwar früher schon gemacht, aber nicht darüber gesprochen. Jetzt ist das aber ganz klar. Es wird geschaut, wie sich Menschen online verhalten: auf Facebook, auf Instagram oder sie googeln einfach deinen Namen.“

 

Nur 37 Prozent der LGBT sind im Job geoutet

 

Zu welchen Problemen führt das bei LGBT?

Cameron: „Zum einen zu gar keinen, wenn man sich bei DEN Unternehmen bewirbt, die auch bei uns mitmachen – denn DIE suchen ja queere Nachwuchstalente.

Bei anderen Unternehmen kann das auch mal zum Ausschlussgrund werden, eben weil man schwul oder lesbisch ist. Laut einer Studie werden Menschen, die offen LGBT sind, zu 50 Prozent weniger zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Und: Sogar 75 Prozent werden erst gar nicht eingeladen, wenn aus dem Lebenslauf ganz klar hervorgeht, dass du LGBT bist. Da reicht oft schon ein Praktikum bei einer LGBT-Organisation oder wenn klar erkennbar ist, dass du als Mann mit einem Mann verheiratet bist. Das hat mich selbst stark überrascht, ich meine wir reden hier nicht von Russland, sondern von Deutschland.

Nur 37 Prozent der LGBT-Mitarbeitenden in Deutschland sind an ihrem Arbeitsplatz offen schwul, lesbisch, bi- oder transsexuell, wahrscheinlich sind es sogar noch mehr. Allerdings: 85 Prozent wären im Job aber viel lieber geoutet.“

 

Auf der Konferenzbühne sind in diesem Jahr 50 Speaker*innen vertreten. Foto: UHLALA Group

 

Von Marco Schenk. Dieses Interview erschien zuerst am 22.06.2020 auf Bild.de.