Das Business-Netzwerk Proudr bringt LGBTI und Arbeitgeber zusammen. Zu den ersten Kunden gehören Netflix, Ebay und das BKA. Auslöser waren die schlechte Erfahrungen des Gründers als schwuler Mann im Job.

 

Am Arbeitsplatz die Person sein, die man ist – das ist hierzulande nicht selbstverständlich. Laut einer Studie der Boston Consulting Group halten 22 Prozent der befragten LGBTI in Deutschland ein Coming-out im Job für ein Karriererisiko. LGBTI ist das englische Akronym für lesbische, schwule, bisexuelle, transidente und intergeschlechtliche Personen.

 

Offen mit Kollegen über die eigene sexuelle Orientierung sprechen nur knapp ein Drittel der lesbischen und schwulen Angestellten. Eine andere Studie zeigt, dass schwule Männer im Schnitt weniger verdienen als ihre heterosexuellen männlichen Kollegen.

 

Um die Situation auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern, hat Stuart Cameron die Karrieremesse Sticks and Stones gegründet, die Arbeitgeber und LGBTI-Beschäftigte zusammenbringen will. Gerade haben Cameron und sein Team zum zehnten Geburtstag der Messe eine App nach Vorbild von Linkedin und Xing gestartet: ein Business-Netzwerk für die LGBTI-Community namens Proudr.

 

Proudr-Stellenanzeigen sind LGBTI-freundlich

 

„Bei den klassischen Netzwerken oder Jobbörsen weißt du auf Anhieb nicht, wie ein Arbeitgeber tickt“, sagt Cameron zu „Gründerszene“. Wer bei Proudr Stellenanzeigen sieht oder mit anderen Nutzern in Kontakt tritt, könne sicher sein, dass sie LGBTI-freundlich sind, so Cameron.

 

Der 39-Jährige hat als schwuler Mann selbst schlechte Erfahrungen im Job gemacht. Er erzählt, dass er bei einem früheren Arbeitgeber hinter seinem Rücken als „Schwuchtel“ bezeichnet wurde und Kollegen sein Auto zerkratzten, nachdem sie von seiner sexuellen Orientierung erfahren hatten. „Damals habe ich mir gewünscht, irgendwo arbeiten zu können, wo es den Leuten egal ist, ob ich homo oder hetero bin“, so der CEO.

 

2009 richtete er erstmals die Sticks and Stones aus. In seiner neuen App sind jetzt nach eigener Aussage 65 Arbeitgeber vertreten, darunter das Bundeskriminalamt (BKA), Coca Cola und Netflix. Sie zahlen für die Listung als LGBTI-freundlicher Arbeitgeber und für das Schalten von Jobs.

 

Unter den 400 Nutzern, die sich laut Cameron seit Ende Mai registriert haben, sind auch sogenannte Straight Allies, also LGBTI-Unterstützer. Sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität werden bei der Anmeldung nicht abgefragt.

 

Proudr setzt auf langsames, organisches Wachstum

 

Hinter Proudr und der Sticks-and-Stones-Messe steht die Uhlala GmbH (nicht zu verwechseln mit dem Escort-Start-up Ohlala), die Firmen unter anderem zum Thema Diversity Management berät. Uhlala ist bis heute ohne Investorengelder ausgekommen. Dabei soll es vorerst auch bleiben, sagt Cameron.

 

Mit seinem neunköpfigen Team setzt er auf langsames, organisches Wachstum: „Durch die Sticks and Stones weiß ich, dass es viel Zeit und Arbeit kostet, Leute in diesem Feld zusammenzubringen. Für mich ist deshalb klar: Es wird dauern, bis aus Proudr ein schwul-lesbisches Linkedin wird.“

 

Von Elisabeth Neuhaus. Dieser Artikel erschien zuerst am 11.06.2019 in der Welt