Eine Karrieremesse in Berlin speziell für Homosexuelle und Transgender – wozu ist das gut? Ein Rundgang mit dem Gründer Stuart Cameron, der von Kollegen als „Schwuchtel“ beschimpft wurde.

 

Eine dieser Messen, wie sie in der Hauptstadt fast täglich stattfinden. In einer zugigen Halle reihen sich Stände aneinander, Kugelschreiber und Visitenkarten werden verteilt. Auf einer Bühne hält jemand eine Keynote (früher hieß das mal Impulsreferat), wie man es zum Erfolg schafft, Begriffe wie „Leadership“, „Entrepreneur“ oder „Karriere-Portfolio“ schwirren durch den Raum, und an den Wänden hängen Stellenanzeigen, auf denen nach Controllern, Developern oder Produktmanagern gesucht wird, gerne orthografisch fragwürdig „für unserem Standort Düsseldorf“. Und doch ist nichts an dieser Veranstaltung alltäglich, die am Wochenende in Berlin stattfand: Die Messe richtet sich nämlich an LGBT, also Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender.

 

Es ist die einzige Karrieremesse für Homosexuelle in Deutschland und europaweit die größte ihrer Art. „Sticks and Stones“ heißt sie, der Name ist einem englischen Kindergedicht entnommen, in dem es darum geht, dass man ruhig bleiben soll, wenn man beschimpft wird. Das ist auch das Motto des Gründers.

 

Stuart Cameron, schwarze Hose, schwarze Jacke, Turnschuhe, hat einen typischen Berliner Lebenslauf. Er kommt aus Süddeutschland, wo er als Eventplaner Partys organisiert hat, der Liebe wegen ging er nach Berlin und zog ein Unternehmen auf. Studiert hat Cameron Betriebswirtschaft, er hat in Agenturen gearbeitet und ein Auslandspraktikum gemacht. Schon während der Ausbildung habe er gemerkt, „dass ich nicht so sein kann wie ich bin“, sagt Cameron.

 

Am Arbeitsplatz zog er sich zurück, weil er nicht wollte, dass die anderen von seinem Schwulsein erfahren. Als es dann doch herauskam, „wurden alle meine Befürchtungen wahr“. Cameron wurde als „Schwuchtel“ beschimpft, sein Auto, das er auf dem Firmenparkplatz geparkt hatte, fand er zerkratzt wieder, Kollegen bezichtigten ihn des Diebstahls.

 

Nur ein Drittel der Befragten würde sich im Job outen
Erfahrungen wie diese sind bis heute gesellschaftlicher Alltag für Lesben und Schwule. Nicht nur, dass sie immer wieder Opfer von Übergriffen werden, die Zahl homophober Straftaten ist konstant hoch, im Jahr 2018 wurden in Deutschland mehr als 300 Delikte angezeigt. Wie sich aus einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group ergibt, fühlen sich auch nirgendwo so viele LGBT am Arbeitsplatz unwohl wie in Deutschland.

 

Nur ein gutes Drittel der Befragten in zwölf westlich geprägten Industrieländern würde sich im Job outen, heißt es in der Studie, in Großbritannien sind es 63 Prozent, der weltweite Durchschnitt liegt bei 52. Und fast jeder Vierte empfindet es immerhin als Karrierehindernis, im Job offen mit seiner sexuellen Orientierung umzugehen.

 

„Kandidaten, die man sonst nicht finden würde“

 

Cameron weiß zudem, dass die Chance, einen Termin für ein Bewerbungsgespräch zu bekommen, geringer ist, wenn man sich zu seiner Homosexualität bekennt. „Man bekommt das nicht direkt ins Gesicht gesagt, man wird einfach nicht eingeladen.“ Er weiß auch von Leuten, die ihre Jobs verloren, nachdem sie sich geoutet hatten. Wobei das lesbische Arbeitnehmerinnen besonders stark zu spüren bekämen, wegen ihrer sexuellen Orientierung einerseits, und weil es Frauen im Job generell schwerer haben.

 

Stuart Cameron hat 2009 die Konsequenzen daraus gezogen und eine LGBT-Karrieremesse gegründet. „Ich wollte mich nicht verstecken müssen, ich wollte Arbeitgeber finden, denen mein Schwulsein egal ist.“ Er kann sich noch gut an die Anfangsjahre der „Sticks and Stones“ erinnern. Die ersten Firmen, die er fragte, ob sie bei ihm ausstellen wollen, hätten sofort abgesagt, eine Verantwortliche einer Firma mit mehr als 4000 Mitarbeitern habe ihm geantwortet: „Das ist eine gute Idee, aber bei uns arbeiten keine Schwuchteln.“ Sie habe das wirklich so ausgedrückt, sagt Cameron. Acht Stände zählte er schließlich und ein paar Dutzend Besucher, was er im Nachhinein verstehen kann: „Eine Messe ist ja keine Party, da muss man sich outen.“

 

BKA und Porsche: Etliche Firmen werben um LGBT-Arbeitnehmer

 

Diese Zeiten sind inzwischen vorbei. Wenn man über das Gelände eines früheren DDR-Rundfunkgebäudes im Osten der Stadt schlendert, vorbei an Regenbogen-Fahnen und Stickern mit der Aufschrift „Nur Mut“, fällt einem auf, wie viele Unternehmen auf der Karrieremesse vertreten sind und um schwule, lesbische und Transgender-Arbeitskräfte werben.

 

Konzerne wie Google, Amazon, Netflix, SAP oder BASF, Autobauer wie BMW oder Porsche, dazu viele Start-ups und Firmen aus dem Tech-Bereich, sogar das Bundeskriminalamt hat einen Stand. Man kann auf der Messe kaum drei Schritte gehen, ohne dass jemand fragt: „Suchen Sie einen Job?“

 

Fachkräftemangel – das ist der Grund, warum sich inzwischen so viele Firmen um Minderheiten bemühen. „Man findet hier Kandidaten, die man sonst nicht finden würde“, sagt eine Recruiterin der Unternehmensberatung McKinsey. Und was haben die Firmen den Lesben und Schwulen zu bieten? Das sei unterschiedlich, sagt Cameron, manche hätten LGBT-Netzwerke oder eigene Ansprechpartner, andere würden sich besonders um Transgender-Fragen kümmern. Es reiche jedenfalls nicht, „mit einem Partywagen auf dem CSD vertreten zu sein“.

 

Cameron tritt auf die Bühne und stellt seine neueste Erfindung vor. Eine App, mit der sich die Besucherinnen und Besucher der Messe später vernetzen können, eine Art Linked-In für Lesben und Schwule. Im Privaten sei es seit Langem üblich, dass man sich über Dating-Apps kennenlernt, sagt Cameron, jetzt wolle er eine berufliche Community für LGBT schaffen. Die Halle füllt sich, am Ende werden mehr als 3000 Leute hier gewesen sein.

 

20 Prozent der Besucher seien übrigens heterosexuelle Frauen, erzählt Cameron. Sie kommen in der Hoffnung, dass Unternehmen, die sich um Minderheiten bemühen, auch etwas für Frauen übrig haben.

 

Von Verena Mayer. Dieser Artikel erschien zuerst am 30. Mai 2019 in der FAZ.